Prof. Dr. Hans Dieter Huber
»Was ist die wirklichkeit, er sagte man könne sie hier finden« Zur Installation »HÖHEN« von Silke Koch, 1998

In einem der zahlreichen Stim­men­fragmente der Installa­tion kann man folgenden Spruch hö­ren: »von welcher Heraus­for­de­rung war vorhin die Rede, der Wirklichkeit, er sagte man könne sie hier finden«. Dieses Bruchstück umschreibt so etwas wie ein Motto oder ein mögliches Motiv dieser Ausstellung. Es geht um die Wirklichkeit und wie man sie finden kann. Aber damit fangen die Probleme auch schon an. Denn was ist die Wirklichkeit und wie kann man sie »wirklich« finden? Man kann sie hier finden, in diesem Raum und in dieser Installation. Sie erschafft eine Wirklichkeit, indem sie diese mit den spezifischen Mitteln der Kunst erzeugt, also verwirklicht.
Fragen wir daher nach den Bestandteilen dieses Systems von Welterzeugung. Da sind zunächst einmal schwarze Punkte an der Wand mit Zahlen. Auf den ersten Blick ergeben sie keinen Sinn. Auf den zweiten Blick jedoch bemerkt man, daß die Zahlen um so höher werden, je weiter man an den Wänden nach oben blickt. Eine horizontale Sichtung imaginärer Höhenlinien bildet sich im kognitiven System des Beobachters. Assoziationen an Berggipfeln oder an Wettkampf­wertungen können auftauchen. Hinzu kommt der Raum als konstitutives Element das Systems. Es handelt sich um einen merkwürdigen, seltsamen Raum. Er ist nämlich wesentlich höher, als er breit ist: 6,20 m x 5,00 m x 5,20 m. Eine Art Schacht, einen Kamin, der den Blick quasi automatisch nach oben lenkt. Man hat das Gefühl, in einem Bassin oder einem Treppen­haus zu stehen.
Ein weiteres Element des Systems ist die Ein­ladungs­karte mit dem Titel »Höhen«. Er liefert ein erstes externes Feld von Referenzen: Berghöhen, Tonhöhen, Anhöhen, auf der Höhe der Zeit, auf der Höhe seines Erfolges. Allerdings sind die Buchstaben auf der Karte vertikal angeordnet, so daß man sie zuerst automatisch von oben nach unten liest. Man verliert im Lesen sozusagen buchstäblich an Höhe, bevor sich dann der Sinngehalt des Wortes von unten nach oben als ein mühseliger Aufstieg allmählich konkretisiert. Erst der Fall, dann der Aufstieg, eine sehr symbolische Einla­dungskarte, die einen wichtigen referentiellen Kontext für die Arbeit bereitstellt. Die dominantesten Elemente des Systems sind jedoch die fünf Lautsprecher, aus denen Stimmen­fragmente zu hören sind. An jeden Lautsprecher ist ein CD-Player angeschlossen, der per Zufallsgenerator die einzelnen Sound­tracks abruft. Ins­gesamt handelt es sich um ca. 60 verschiedene Sound­files. Durch ihre räumliche und zeitliche Abfolge entstehen verschiedene Gesprächssituationen. Einer sagt z.B. etwas aber niemand antwortet. Oder einer sagt etwas und zwei andere antworten fast gleichzeitig. Zwei sagen etwas und einer antwortet, oder alle reden durcheinander. Soziale Interaktion wird auf diese Weise vorgetäuscht. Wir hören Sätze, verbinden die einzelnen Anschluß-kommunikationen mit dem vorher gesagten, wägen ab, beziehen Stellung, hören aufmerksam zu, bis unser Interesse nachläßt und das Gehörte zum Hintergrund­rauschen der Umwelt wird.
Wir wissen genau, was die Pausen bedeuten. Das Schweigen, die An­schluß­­lücke, das zu lange Warten auf Antwort. Ein stockendes, unvollkommenes, von schlechtem Einverständnis getragenes Gespräch entsteht. Man redet dazwischen und unterbricht.
Von zentraler Bedeu­tung dagegen wird unsere eigene Interpretation des Ge­hörten. Da alle Soundfiles vollkommen zufällig abgerufen werden, ist der Sinn und Bedeutung, die wir der Unterhaltung beimessen, vollständig unsere eigene Inter­pretation. Die Toninstallation ist ein gutes Beispiel dafür, daß der Sinn eine absolut selbstreferentielle Konstruktion des kognitiven Systems eines Beobach­ters ist und nicht, aber rein gar nichts mit den zufälligen Abfolgen der Sound­files zu tun hat. Allmäh­lich kristallisieren sich verschiedene Sprecher heraus, zwei Frauen und drei Männer. Nennen wir sie die Protagonisten. Je länger man zu­hört, desto deutlicher werden die Charakter und die Einstellungen des jeweiligen Spre­chers. Es geht ums Durchhalten, Wissen, Zwei­feln, Mög­lich­keiten, Siege, Eroberungen, Kraft, Gründe, Einsamkeit, Gefühle, Ängste, Träume, Inspi­rationen, Sinnfragen. Damit wird die Arbeit Silke Kochs zu einem treffenden Bild, zu einem Symbol oder einer Metapher für die Höhen und Tiefen des Lebens, für die Unsicherheiten, die Zweifel, den Willen, die Plä­ne, die Gründe oder die Ängste einer Zeit. Es spielt keine Rolle, woher die Töne ursprünglich stammen. Die Etikettierung der Ursprungs­fetzen verengt die ästhetische Weite an Erfah­rungs­mög­lich­keiten unnötig. Wenn ich jetzt sa­ge, woher die Sounds stammen, werden sie an sich selbst beobachten können, wie ihre Wahr­­nehmung der Bedeutungshorizonte schrumpft. Sie stammen nämlich aus dem amerikanischen Spielfilm »The Withe Tower» von Ted Tetzlaff aus dem Jahre 1950, indem es um die Erst­besteigung eines noch nie bezwungenen Ber­ges geht, und in dem im Laufe des Gipfelstur­mes die unterschiedliche Charakter­eigen­schaften der einzelnen Per­sonen immer schärfer in Kontrast zueinander treten. Aber es wäre eine Fehlwahrnehmung oder eine Fehl­kon­struk­­tion, die Installation lediglich auf eine Bergproblematik oder Naturmetaphorik be­gren­zen zu wollen. Fragen wir deshalb, ob wir schon alle System­elemente benannt haben? Es fehlt die wichtigste und zentralste Instanz, nämlich der Beobachter bzw. das Publikum, das heute hier ist. In ihrem kognitiven System entstehen Sinn und Bedeutung der Arbeit Silke Kochs auf eine Art und Weise, die ihre ureigene, persönliche Struktur erzeugt. In jedem Beobachter treffen die Zahlen und die Sätze auf eine präformierte Oberfläche, die aufgrund unterschiedlicher Biogra­fien, Sozia­lisa­tion­en, Lebens­er­fahrungen oder Ein­stellungen verschieden ausgebildet ist. Das kongnitive System eines Beob­achters kann dabei nur dasjenige verarbeiten, was es zu diesem Zeitpunkt kognitiv verarbeiten kann. Was ein bestimmter Beobach­ter zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht verarbeiten kann, das kann er auch nicht als bewußte, ästhetische oder kognitive Erfah­rung mit nach Hause nehmen. Das heißt, ra­di­kal gesprochen, daß diese Installa­tion, aufgrund ihrer zufallsgenerierten Struk­tur immer anders abläuft, immer auf eine andere Betrachter­oberfläche auftreffen wird, auf der sie immer schon, von vornherein, selektiv und kontigent verarbeitet wird. Es ist jedesmal eine neu generierte Struktur, die jedesmal auf einen anderen kognitiven Gesamt­zustand des Beobach­ters trifft. Jedesmal ist die Erfahrung daher in zweifachem Sinne eine völlig andere. Es wird kein zweites Mal geben, an dem sich zwei ästhetische Erfahrun­gen gleichen. Genau das ist das zen­tra­le ästhetische Moment in der Insta­lla­tion von Silke Koch. Sie trifft immer auf unterschiedliche Höhen und Tiefen der einzelnen Betrachter und prägt eine Er­fahrung, eine Erinnerung ein, die sie als Bild, Erin­nerung oder Er­kennt­nis mit in ihr eigenes Leben nehmen werden. Dadurch wird das System, das zuerst nur eine schlichte physikalische Struktur war, zu einem sozialen Sinnsystem. Erst in den einzelnen kognitiven Syste­men der Beobach­ter transformiert sich die Arbeit von einer Fiktion zu einer Wirk­lichkeit, die man für sich selbst gefunden hat, indem man sie für sich selbst und in sich selbst erzeugt hat. Die Herausforderung des Lebens ist also letztlich die Wirk­lichkeit, die man hier finden kann, indem man sie in eigener Verant­wortung erzeugt und hervorbringt. Aber wer sagt das?